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Unfälle: Mensch über Bord auf Segelyachten

Aus Unfällen lernt man am meisten – am besten aus denen anderer. Auf dieser Seite stehen zwei tödliche Unfälle mit „Person über Bord“ auf Segelyachten, ein Vergleich mit weiteren Fällen und die Lehren daraus. Sie zeigen, wie aus scheinbar harmlosen Situationen eine Kette von Fehlern werden kann.

Fallbeispiel 1: Charteryacht vor Warnemünde (2015)

Ausgangslage: Vier Segler haben eine Charteryacht für einen Ostseetörn gemietet. Am dritten Tag geht es von Gedser nach Rostock-Warnemünde, bei Wind 4–5 Bft. Kurz vor der Hafeneinfahrt beschließt die Crew, die Segel schon im Revier zu bergen und mit Motor einzulaufen.

Unfall: Ein Crewmitglied hockt beim Bergen der Segel am Mast. Eine Welle von der Seite lässt die Yacht heftig auf- und abrucken, der Mann wird rückwärts über die Reling geschleudert. Für kurze Zeit hält er sich noch außenbords fest, dann rutscht er ab. Niemand an Bord trägt eine Rettungsweste, niemand ist mit einer Leine gesichert. Wassertemperatur etwa 16 °C, Wellen unter einem Meter.

Rettungsversuche: Das Boot wendet mit Motorkraft, der Mann im Wasser kann eine zugeworfene Festmacherleine greifen – doch deren anderes Ende ist am Boot gar nicht befestigt und fällt ins Wasser. Ein zweiter Versuch mit dem Rettungskragen scheitert, weil die aufgetrommelte Leine sich nicht abrollt und der Kragen nur ein bis zwei Meter weit fliegt. Der Mann verliert nach wenigen Minuten die Kraft und wird bewusstlos. Alarmiert wird per Mobiltelefon über die Notrufnummer 112; das UKW-Gerät soll defekt gewesen sein. Rettungskräfte erreichen die Stelle nach kurzer Zeit, finden ihn aber nicht mehr.

Nach der Prüfung fehlten an Bord außerdem Ausrüstungsteile: statt zwei Rettungsringen war nur einer da, statt sechs Rettungswesten nur vier, und bei drei Westen war der Servicetermin überschritten.

Was hätte den Unfall verhindert?

Fallbeispiel 2: Ausbildungsyacht auf der Flensburger Förde (2022)

Ausgangslage: Eine 13,5 m lange Segelyacht ist mit fünf Personen zu einem mehrtägigen Törn ausgelaufen. Nach etwa zwei Stunden auf der geschützten Innenförde missglückt eine Halse: Die Schoten des Vorsegels verfangen sich am Spibaum. Der Rudergänger war vorher vom Skipper gedrängt worden, die Kursänderung sofort zu fahren. Abgesprochen war das Manöver nicht.

Unfall: Der Skipper geht selbst aufs Vorschiff, um die Leinen zu klarieren – ohne Rettungsweste und ohne Lifeline. Als er sich auf der Leeseite aufrichtet, kommt wieder Wind ins Segel, die Yacht krängt und nimmt Fahrt auf. Er fällt rückwärts über die Reling. Das Wasser hat etwa 5 °C.

Rettung: Die Mitsegler wenden das Boot zügig und bringen den Skipper mit Hufeisen-Rettungsring und Leine ans Heck. Doch er kann sich nach wenigen Minuten nicht mehr selbst an der Badeleiter halten; diese war nur eingehängt, nicht festgeschraubt, und geht bei den Rettungsversuchen über Bord. Ein Mitsegler springt zur Unterstützung ins Wasser und wird selbst unterkühlt gerettet. Der Skipper verliert ohne Auftriebskörper die Kraft, seinen Kopf über Wasser zu halten. Ein Rettungshubschrauber birgt ihn, alle Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos.

Kette der Fehler

Der Unfall geschah nicht bei Sturm und nicht wegen fehlender Erfahrung. Der Skipper hatte den Sportseeschifferschein und mehrjährige Praxis. Aber er verzichtete auf Weste und Lifeline und verließ das Cockpit ohne Plan.

Was ähnliche Unfälle gemeinsam haben

Die Untersuchung von zwölf vergleichbaren Fällen zwischen 2003 und 2015 zeigt ein Muster:

Lehre für Skipper: Der Skipper bleibt möglichst im Cockpit und hat den Überblick. Arbeiten auf dem Vorschiff übernehmen eingewiesene Crewmitglieder – gesichert. Und jeder an Bord muss ein Person-über-Bord-Manöver ohne den Skipper fahren können.

Zehn Regeln zur Vermeidung von Person-über-Bord-Unfällen

  1. Rettungsweste an Deck immer tragen – Skipper zuerst, damit alle mitziehen.
  2. Immer einpicken, sobald das Cockpit verlassen wird. Bei Seegang, Nacht und kaltem Wasser sowieso.
  3. Vor dem Törn: umfassende Einweisung, feste Notrollen, ein Stellvertreter des Skippers.
  4. Person-über-Bord-Manöver zu Törnbeginn praktisch üben. Theorie ersetzt keine Praxis.
  5. Manöver ankündigen und absprechen, keinen Druck auf den Rudergänger ausüben.
  6. Aufgaben delegieren. Der Skipper behält den Überblick.
  7. Rettungsmittel vor der Fahrt prüfen: Leinen belegt, Kragen einsatzbereit, Weste gewartet, Funkgerät getestet.
  8. Badeleiter fest montieren, vom Wasser aus bedienbar.
  9. Wetter- und wasserdichte Kleidung tragen, wenn möglich in Signalfarbe.
  10. Wer hilft, sichert sich selbst zuerst – ein zweiter Verunfallter macht die Rettung nur schwerer.