Unfälle: Kenterung im Seegat und Kollision auf der Reede
Zwei weitere Unfälle zeigen andere Gefahren: eine Kenterung in einem Seegat und eine Kollision mit einem Verkehrssicherungsfahrzeug. Beide hätten sich mit Wissen, Planung und rechtzeitiger Kommunikation vermeiden lassen.
Fallbeispiel 3: Kenterung in einem Seegat (Ostfriesland, 2021)
Ausgangslage: Drei junge Segler wollen mit einer sieben Meter langen Kielyacht von Juist nach Langeoog. Alle drei sind Anfang 20, aber nur der Skipper hat wirklich Segelerfahrung. Der Skipper hat den Sportbootführerschein See und verlässt sich darauf. Zur Planung nutzt er eine Karten-App auf dem Smartphone und eine Papierkarte. Seehandbuch, Revierführer und Internetrecherche zu Seegaten zieht er nicht heran.
Unfall: Am Seegat wird es gefährlich: Der Wind weht mit 5–6, in Böen 7–8 Bft aus Nord, also von See her ins Seegat. Der Tidenstrom läuft ab und damit gegen die Windsee. Über der Barre beträgt die Wassertiefe nur noch etwa zwei Meter. Es bilden sich kurze, steile Wellen, sehr wahrscheinlich Grundseen und möglicherweise Brandung. Die Wellen sind schneller als das Boot, die Yacht wird unsteuerbar und kentert. Alle drei Segler gehen über Bord, das Boot sinkt etwa eine halbe Stunde später. Der Skipper setzt nach rund 40 Minuten mit dem Smartphone einen Notruf ab. Ein großer Rettungseinsatz läuft an. Nach etwa drei Stunden wird ein Segler leblos mit Rettungsweste im Wasser gesichtet; beim Versuch, ihn zu bergen, reißt der Auftriebskörper von der Weste ab. Die Frau und der Skipper werden nach knapp vier Stunden von einem Rettungshubschrauber aus dem Wasser gezogen.
Was hätte den Unfall vermieden?
- Seegat nur zur richtigen Zeit passieren: mit auflaufendem Strom, um Hochwasser (etwa ±2 Stunden) und nicht bei Wind gegen Strom.
- Nie bei auflandigem Wind und ablaufendem Strom. Schon diese Kombination kann Brandung erzeugen, es braucht dafür keinen Sturm.
- Nautische Veröffentlichungen nutzen: Seehandbuch und Revierführer verlangen Kenntnis, nicht nur die Karten-App. Alle Hinweise (POI) in der digitalen Karte abrufen.
- Vier-Augen-Prinzip: Mitsegler bei der Kartenarbeit einbinden, besonders bei kleinen Smartphone-Displays.
- Digitale Karten nur ergänzend zur Papierkarte nutzen. Akku, Software und Empfang sind auf Sportbooten nicht wie in der Berufsschifffahrt abgesichert.
- Windgrenze ernst nehmen: „Bis 30 Knoten schaffe ich das“ ist gefährlich, wenn Wind und Strom gegeneinander laufen.
- Notausrüstung: tragbares UKW-Funkgerät, pyrotechnische Signalmittel, Notsender, wind- und wasserdichte Kleidung, Rettungswestenlicht.
- Erfahrene Crew: Mindestens ein weiteres Crewmitglied sollte das Boot mit führen können.
Auf Raumschotskursen mit achterlichem Seegang empfiehlt sich außerdem, unter Vorsegel zu fahren. Das Boot bleibt kursstabiler, und die Gefahr einer Patenthalse sinkt, vor allem wenn kein Bullenstander gesetzt ist. Bei Bedarf hilft der Motor.
Zehn Merkpunkte für Seegat-Passagen
- Immer mit dem Tidenstrom fahren.
- Nicht bei Dunkelheit oder schlechter Sicht.
- Nie bei Wind gegen Strom.
- Nur um Hochwasser (etwa ±2 Stunden) über die Barre.
- Genug Raum zum Manövrieren in Lee halten.
- Motor bereithalten für schnelle Kursänderungen.
- Wetter mit amtlichen Vorhersagen prüfen.
- Seehandbuch und Revierführer lesen.
- Crew informieren und einteilen.
- Im Zweifel draußen bleiben oder einen anderen Hafen anlaufen.
Fallbeispiel 4: Kollision mit einem Verkehrssicherungsfahrzeug vor Rügen (2023)
Ausgangslage: Eine kleine Segelyacht läuft im Spätsommer unter Segeln mit fünf bis sechs Knoten auf eine Reede vor Rügen zu. Dort liegen zwei LNG-Tanker vor Anker. Um jeden Tanker gilt ein Sicherheitsabstand von einer Seemeile. Ein Schlepper überwacht als Verkehrssicherungsfahrzeug das Gebiet.
Unfall: Der Schlepper erkennt das Sportboot innerhalb der Sicherheitszone und fährt darauf zu, um es zu warnen. Die Crew hält den Kurs für einen Kollisionskurs und wendet. Beide manövrieren, bis es zur Berührung kommt. Kein Funk, keine Schall- oder Lichtsignale vorher. Erst nach dem Zusammenstoß gibt es Funkkontakt. Am Rumpf der Yacht entsteht geringer Schaden, niemand wird verletzt.
Warum kam es zur Kollision?
- Das Verkehrssicherungsfahrzeug war äußerlich nicht als solches erkennbar.
- Der Abfangkurs war so gewählt, dass Kollisionsgefahr entstand.
- Die Yachtcrew kannte die gesperrte Reede nicht. Der Hafenmeister hatte nur vom Sicherheitsabstand zu den Tankern gesprochen.
- Die stündlichen Verkehrsmeldungen der Verkehrszentrale wurden trotz vorhandenem Funkgerät nicht abgehört.
- Fehlende Kommunikation: Keine Ansprache per UKW, kein Licht-/Schallsignal vor dem Zusammenstoß.
- Die Yacht hatte kein AIS und war schwer ansprechbar. Das erschwert auch die spätere Rekonstruktion.
Lehren für Sportbootführer
- Vor der Fahrt informieren über Reeden, Sperrgebiete und Einschränkungen (Nachrichten für Seefahrer, Hafenmeister, Verkehrszentrale).
- Verkehrsmeldungen abhören: Wer ein UKW-Gerät an Bord hat, muss die Verkehrsinformationen der Verkehrszentrale mithören und berücksichtigen.
- Früh Kontakt aufnehmen: Wenn unklar ist, was das andere Fahrzeug will, über UKW anrufen (Kanal 16 oder Arbeitskanal) und Absicht klären.
- Eindeutig ausweichen und mit Schallsignalen ankündigen, was man tut.
- AIS an Bord erleichtert es anderen, das Boot zu erkennen und anzusprechen.
- Sicherheitsabstand zu Ankerliegern und Sperrbereichen großzügig halten, notfalls mit Plotter oder Karte messen.
- Genug Personal an Bord: Wer allein segelt und manövriert, kann nicht zeitgleich funken.
