Gezeitenkunde 4: Kartennull, Kartentiefe und Wassertiefe
Lotungsbeschickung, trockenfallende Stellen und Pegel.
Worauf sich die Zahlen in der Seekarte beziehen
Die Tiefenzahlen in der Seekarte sind Kartentiefen (KT). Sie beziehen sich auf das Kartennull (KN), eine festgelegte Bezugsfläche. In Gezeitengewässern ist das KN so tief gelegt, dass der Wasserstand nur selten darunter fällt. In deutschen Seekarten der Nordsee und in britischen Seekarten ist das heute LAT (Lowest Astronomical Tide), der niedrigste Wasserstand, der sich astronomisch unter durchschnittlichen Wetterbedingungen vorausberechnen lässt. Bei ablandigem Sturm oder hohem Luftdruck kann das Wasser auch tiefer fallen. In Gewässern ohne nennenswerte Gezeiten wie der westlichen Ostsee liegt das KN etwa beim mittleren Wasserstand.
Eigene Grafik, nicht maßstäblich: Die Höhe der Gezeit wird über, die Kartentiefe unter Kartennull gemessen.
Wassertiefe = Kartentiefe + Höhe der Gezeit (WT = KT + H)
Mit dieser Gleichung lässt sich jede Frage nach Wassertiefen lösen, die Lotungsbeschickung. Wie die Echolotung (EL) eingeht, hängt von der Einstellung des Geräts ab:
Anzeige unter dem Kiel: WT = EL + Tiefgang
Anzeige unter dem Geber: WT = EL + Eintauchtiefe des Gebers
Anzeige ab Wasseroberfläche (Offset eingestellt): WT = EL
In Prüfungsaufgaben ist mit „Echolotung“ meist die Tiefe unter dem Kiel gemeint, dann gilt EL + Tg = WT = KT + H. Lies die Aufgabe genau, und kenne an Bord die Einstellung deines Echolots.
Trockenfallende Höhen
Stellen, die bei Kartennull trockenfallen, sind in der Seekarte mit unterstrichenen Zahlen angegeben, etwa eine unterstrichene 12 für 1,2 m über KN. Dort ist die Wassertiefe gleich der Höhe der Gezeit minus der trockenfallenden Höhe.
Höhen an Land und unter Brücken
Höhen an Land und über dem Wasser beziehen sich nicht auf das Kartennull, sondern auf ein hohes Bezugsniveau, und zwar nicht immer auf dasselbe:
Leuchtfeuerhöhen stehen in britischen Seekarten meist über dem mittleren Springhochwasser (MHWS), in deutschen über dem mittleren Hochwasser.
Durchfahrtshöhen von Brücken und Leitungen beziehen sich in vielen ADMIRALTY-Karten auf das höchste astronomische Hochwasser (HAT), also ein noch höheres Niveau.
Maßgeblich ist immer die Angabe in der jeweiligen Seekarte. Wer das falsche Bezugsniveau annimmt, rechnet sich unter einer Brücke womöglich mehr Platz aus, als wirklich da ist.
Pegel
Schifffahrtspegel: Der Pegelnullpunkt liegt auf Kartennull. Der abgelesene Wert ist direkt die Höhe der Gezeit und kann zur Kartentiefe addiert werden.
Betriebspegel: Der Nullpunkt liegt anders, etwa auf der Schwelle einer Schleuse. Dann muss man den Unterschied zum Kartennull kennen.
Kurz geprüft
1. Kartentiefe 2,4 m, Höhe der Gezeit 1,7 m, Tiefgang 1,9 m. Was zeigt ein Echolot an, das die Tiefe unter dem Kiel misst?Lösung aufdecken
WT = 2,4 + 1,7 = 4,1 m. Unter dem Kiel: 4,1 minus 1,9 = 2,2 m.
2. An einer Stelle ist in der Karte eine unterstrichene 08 eingetragen. Wie tief ist das Wasser bei einer Höhe der Gezeit von 2,5 m?Lösung aufdecken
Die Stelle fällt bei KN 0,8 m trocken. Wassertiefe = 2,5 minus 0,8 = 1,7 m.
3. Ihr Echolot misst ab Wasseroberfläche 5,6 m. Die Karte zeigt an dieser Stelle 3,1 m. Wie hoch steht die Gezeit?Lösung aufdecken
Alle Grafiken: eigene Darstellungen von Nautik-Trainer. Übungswerte erfunden, nicht zur Navigation. Prüfungsangaben ohne Gewähr; maßgeblich sind die Unterlagen des Prüfungsausschusses.