Ausbildungsyacht auf der Flensburger Förde (2022)
Ausgangslage: Eine 13,5 m lange Segelyacht ist mit fünf Personen zu einem mehrtägigen Törn ausgelaufen. Nach etwa zwei Stunden auf der geschützten Innenförde missglückt eine Halse: Die Schoten des Vorsegels verfangen sich am Spibaum. Der Rudergänger war vorher vom Skipper gedrängt worden, die Kursänderung sofort zu fahren. Abgesprochen war das Manöver nicht.
Unfall: Der Skipper geht selbst aufs Vorschiff, um die Leinen zu klarieren – ohne Rettungsweste und ohne Lifeline. Als er sich auf der Leeseite aufrichtet, kommt wieder Wind ins Segel, die Yacht krängt und nimmt Fahrt auf. Er fällt rückwärts über die Reling. Das Wasser hat etwa 5 °C.
Rettung: Die Mitsegler wenden das Boot zügig und bringen den Skipper mit Hufeisen-Rettungsring und Leine ans Heck. Doch er kann sich nach wenigen Minuten nicht mehr selbst an der Badeleiter halten; diese war nur eingehängt, nicht festgeschraubt, und geht bei den Rettungsversuchen über Bord. Ein Mitsegler springt zur Unterstützung ins Wasser und wird selbst unterkühlt gerettet. Der Skipper verliert ohne Auftriebskörper die Kraft, seinen Kopf über Wasser zu halten. Ein Rettungshubschrauber birgt ihn, alle Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos.
Kette der Fehler
- Keine Lifeline und ein unsicherer Stand auf der Leeseite an Deck.
- Keine Rettungsweste – damit Ertrinken statt Rettung.
- Manöver ohne Absprache und unter Druck („Mach jetzt!“), dadurch missglückte Halse.
- Der Skipper delegierte nicht, sondern verließ selbst das Cockpit. So ging der Überblick verloren.
- Dürftige Einweisung: Die Mitsegler wussten nicht, dass Lifesling und Bojenhaken an Bord waren. Es gab keine Notrollen und keinen Stellvertreter des Skippers.
- Ermüdung und schlechte Kleidung (nicht wasserdicht, keine Signalfarbe) beschleunigten die Unterkühlung.
- Ungeeignete Rettungsmittel: nur eingehängte Badeleiter, Rettungsmittel mit zusätzlichen Schnüren festgezurrt.
Was ähnliche Unfälle gemeinsam haben
Die Untersuchung von zwölf vergleichbaren Fällen zwischen 2003 und 2015 zeigt ein Muster:
- Alle Unfälle geschahen auf Segelyachten, viele bei Segelmanövern wie Setzen, Bergen, Klarieren oder Halsen.
- In den meisten Fällen (9 von 12) fiel der Skipper ins Wasser, sodass die Mitsegler die Rettung allein leisten mussten.
- Meist waren die Yachten privat genutzt.
Lehre für Skipper: Der Skipper bleibt möglichst im Cockpit und hat den Überblick. Arbeiten auf dem Vorschiff übernehmen eingewiesene Crewmitglieder – gesichert. Und jeder an Bord muss ein Person-über-Bord-Manöver ohne den Skipper fahren können.
Zehn Regeln zur Vermeidung von Person-über-Bord-Unfällen
- Rettungsweste an Deck immer tragen – Skipper zuerst, damit alle mitziehen.
- Immer einpicken, sobald das Cockpit verlassen wird. Bei Seegang, Nacht und kaltem Wasser sowieso.
- Vor dem Törn: umfassende Einweisung, feste Notrollen, ein Stellvertreter des Skippers.
- Person-über-Bord-Manöver zu Törnbeginn praktisch üben. Theorie ersetzt keine Praxis.
- Manöver ankündigen und absprechen, keinen Druck auf den Rudergänger ausüben.
- Aufgaben delegieren. Der Skipper behält den Überblick.
- Rettungsmittel vor der Fahrt prüfen: Leinen belegt, Kragen einsatzbereit, Weste gewartet, Funkgerät getestet.
- Badeleiter fest montieren, vom Wasser aus bedienbar.
- Wetter- und wasserdichte Kleidung tragen, wenn möglich in Signalfarbe.
- Wer hilft, sichert sich selbst zuerst – ein zweiter Verunfallter macht die Rettung nur schwerer.
